Erste Kläranlage an der Emscher mit vierter Reinigungsstufe

Neue Tuchfiltration in Dortmund-Deusen ist die weltweit größte ihrer Art. Ausbau dient der Verbesserung der Wasserqualität in der Emscher. Maßnahme wurde vom Land NRW mit 31,4 Millionen Euro gefördert.

Dortmund. Mit blauem Wasser und grünen Ufern erfreut die renaturierte Emscher die Spazierenden in Dortmund-Deusen. Mit dem bloßen Auge jedoch nicht erkennbar sind die schädlichen Stoffe im Wasser, die bislang von der benachbarten Kläranlage der Emschergenossenschaft nicht herausgefiltert werden konnten. Das ändert sich nun: Der Wasserwirtschaftsverband hat die in den 1990er-Jahren im Zuge des Generationenprojektes Emscher-Umbau entstandene Anlage um eine sogenannte 4. Reinigungsstufe zur Eliminierung von Spurenstoffen wie etwa Medikamentenresten oder Pflanzenschutzmitteln erweitert. Am Freitag (4.4.) wurden die neuen Anlagenteile – darunter die weltweit größte Tuchfiltration – im Beisein von Nordrhein-Westfalens Umweltminister Oliver Krischer offiziell in Betrieb genommen.

„Mit dieser weltweit größten Tuchfilteranlage setzt Nordrhein-Westfalen Maßstäbe bei der Abwassereinigung. Sogar die Emscher wird wieder richtig sauber und ihr einstiger Ruf als ,Köttelbecke‘ ist damit endgültig Geschichte. Mit der groß angelegten Renaturierung und modernster Klärtechnik wird der Fluss zum lebendigen Gewässer“, sagt Umweltminister Oliver Krischer. Das Land Nordrhein-Westfalen förderte die Nachrüstung und Optimierung der Kläranlage sowie die energetische Verbesserung mit 31,4 Millionen Euro – das entspricht zirka 70 Prozent der Gesamtkosten der Spurenstoffelimination. Die Zuwendungen erfolgten aus der Förderrichtlinie „Zuwendungen des Landes NRW für eine Ressourceneffiziente Abwasserbeseitigung NRW II (ResA II)“.

Die Abwicklung der Förderung erfolgte gemäß der Richtlinie über die NRW.BANK. „Das Generationenprojekt ‚Emscher-Umbau‘ macht NRW lebenswerter – damit gestalten alle Akteure Zukunft vor Ort“, sagt Gabriela Pantring, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der NRW.BANK. „Wir haben viel zusammen erreicht und es macht uns als Förderbank für Nordrhein-Westfalen sehr stolz, seit mehr als 20 Jahren Partnerin des größten Infrastrukturprojekts in unserem Bundesland zu sein.“ Die NRW.BANK hat die Renaturierung der Emscher bisher mit Förderdarlehen und Zuschüssen in Höhe von insgesamt 3,6 Milliarden Euro unterstützt. Sie ist damit das größte Förderprojekt der Förderbank.

Die Emscher – der Fluss mit den zwei Quellen
„Die positiven Auswirkungen der verbesserten Reinigungsleistung werden künftig nicht nur punktuell vor Ort in Dortmund-Deusen spürbar sein. Vielmehr hat die Natur auch entlang des weiteren Verlaufs der Emscher die Chance, sich weiterhin ökologisch zu entwickeln, wenn dank der vierten Reinigungsstufe schädliche Spurenstoffe aus dem Wasser geklärt werden. Ähnlich wie bei der Hochwasserrückhaltung profitieren die unterhalb von Dortmund an der Emscher liegenden Kommunen von dieser Maßnahme am Oberlauf des Flusses“, sagt Dr. Frank Dudda, Vorsitzender des Genossenschaftsrates der Emschergenossenschaft und Oberbürgermeister der Emscher-Stadt Herne.

Im Zuge des Generationenprojektes Emscher-Umbau (1992 bis 2021, Gesamtinvestitionen: 5,5 Milliarden Euro) hatte die Emschergenossenschaft nicht nur vier moderne Großkläranlagen in Dortmund-Deusen, Bottrop, Dinslaken und Duisburg gebaut, sondern in drei Jahrzehnten auch über 430 Kilometer neue unterirdische Abwasserkanäle verlegt – teilweise in Tiefenlagen von rund 40 Metern. Das Schmutzwasser wurde somit unter die Erde verbannt, die Gewässer wurden wieder sauber.

„Seit Ende 2021 ist die Emscher nach jahrzehntelangem Dasein als offener Schmutzwasserlauf vollständig vom Abwasser befreit. Doch der zentrale Fluss des Ruhrgebiets, der seine Quelle eigentlich in Holzwickede hat, entspringt praktisch ein zweites Mal in der Kläranlage Dortmund-Deusen: Bis zu 90 Prozent des Emscher-Inhaltes an dieser Stelle bestehen in Trockenzeiten aus gereinigtem Abwasser aus dieser Anlage. Aus diesem Grund war der hier nun erfolgte Ausbau die ökologisch sinnvollste Lösung und eine wichtige Investition in den Lebensraum Emscher, den wir in den kommenden Jahren sowohl ökologisch als auch sozial weiter aufwerten werden – mit Mehrwerten für Mensch und Natur“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft.

Die „4. Reinigungsstufe“
Die vierte Reinigungsstufe (nach der mechanischen, biologischen und chemisch-physikalischen Reinigung) ist keine bestimmte Klärtechnik, sondern bezeichnet eine ganze Reihe verschiedener Optionen wie Ozonierung, Membranfiltration oder Aktivkohledosierung. „Ziel der zusätzlichen Klärtechnik ist das Herausfiltern von Spurenstoffen wie etwa Medikamentenreste, Pestizide, Pflanzenschutzmittel, Korrosionsschutzmittel oder in Körperpflegeprodukten enthaltene synthetische Duftstoffe. Viele dieser Spurenstoffe können von herkömmlichen Großkläranlagen ohne vierte Reinigungsstufe nicht effizient beseitigt werden und gelangen daher in die Gewässer“, sagt Dr. Frank Obenaus, Vorstand für Wassermanagement und Technik bei der Emschergenossenschaft.

In Dortmund-Deusen hat die Emschergenossenschaft, die gemeinsam mit ihrem Schwesterunternehmen Lippeverband Deutschlands größter Betreiber von Kläranlagen ist, ihr Klärwerk seit 2022 um eine Pulveraktivkohledosierung mit Tuchfiltration erweitert. Die Pulveraktivkohle – täglich zwei Tonnen! – bindet die Schadstoffe. Im Tuchfilter wird die Kohle mitsamt diesen Schadstoffen zurückgehalten, sodass nur noch das deutlich sauberere Wasser in die Emscher eingeleitet werden kann. Mit einer Filterfläche von insgesamt 2880 Quadratmetern, verteilt auf 24 Becken, handelt es sich bei der Anlage in Dortmund-Deusen um die weltweit größte Tuchfiltration.

Darüber hinaus erhält die Kläranlage eine weitere Belüftung, die zwischen der Pulveraktivkohledosierung und der Tuchfiltration angeordnet ist. Mit dieser zusätzlichen Belüftung will die Emschergenossenschaft zur Förderung von Gewässerlebewesen den Sauerstoffeintrag in die Emscher erhöhen. Die Revitalisierung der Emscher, die rund 170 Jahre lang die Abwässer aus der Region transportierte, wird mit dieser technischen Maßnahme wesentlich unterstützt. Bereits durch den Emscher-Umbau hatte sich die Artenvielfalt mehr als verdreifacht. Heute sind es zirka 500 Tiere und Wasserpflanzen, die wieder in und an der Emscher vorkommen. 23 verschiedene Fischarten sind in der Emscher ebenso bereits nachgewiesen worden wie der Biber und der Eisvogel.

Überprüfung der Wirksamkeit der vierten Reinigungsstufe
Um die Wirksamkeit der vierten Reinigungsstufe kontrollieren zu können, werden aus der fast unüberschaubaren Vielzahl an Substanzen sogenannte Indikatorparameter für Mikroschadstoffe festgelegt. Diese sind unter anderem Wirkstoffe wie Diclofenac (in Schmerzmitteln enthalten), Röntgenkontrastmittel und Benzotriazol (in Geschirrspülmitteln enthalten). Wissenschaftlich nachgewiesen sind schädliche Auswirkungen dieser Spurenstoffe auf die aquatische Umwelt, also auf Wasserlebewesen aller Art. Im Idealfall würden viele dieser Stoffe gar nicht erst ins Wasser gelangen. Jede Bürgerin und jeder Bürger kann hierzu einen individuellen Beitrag leisten: Arzneimittel sollten niemals über das Waschbecken oder die Toilette entsorgt werden – alte oder nicht gebrauchte Medikamente gehören in die Restmülltonne, denn dieser Abfall wird rückstandslos verbrannt.

Die Kläranlage Dortmund-Deusen
Die Kläranlage der Emschergenossenschaft in Dortmund-Deusen ist im Verlauf der Emscher die erste Abwasserreinigungsanlage. Ausgelegt ist sie für 705.000 Einwohnerwerte (Menschen plus Industrieunternehmen). Tatsächlich angeschlossen sind aktuell rund 600.000 Einwohnerwerte – zirka 400.000 Menschen plus rund 200.000 „Einwohnergleichwerte“ aus der Industrie. In der Kläranlage wird ein Großteil des Abwassers aus dem Raum Dortmund und Holzwickede sowie Teilen Wittens behandelt. Auch die Krankenhausabwässer des Dortmunder Klinikums werden nach Deusen geleitet.

Bis zur Kläranlage Dortmund-Deusen reicht der sogenannte Oberlauf der Emscher, die in Holzwickede entspringt. Hinter der Kläranlage ist der Fluss aufgrund der Einleitung von täglich rund 180 Millionen Liter gereinigtem Wasser (entspricht dem Inhalt von 72 olympischen Schwimmbecken) deutlich breiter, ab hier ist vom Emscher-Hauptlauf die Rede. Im vergangenen Jahrzehnt sind die ersten zwei Kilometer des Hauptlaufes vollständig renaturiert worden – hier erinnert heute nichts mehr an das einstige Dasein der Emscher als tristgraue „Köttelbecke“. Mit der 4. Reinigungsstufe auf der Kläranlage Dortmund-Deusen sorgt die Emschergenossenschaft nun dafür, dass nicht nur die blaugrüne Optik stimmt, sondern auch die Wasserqualität in einem der faszinierendsten Flüsse des Landes.

Mehr als nur rein wasserwirtschaftliche Projekte
Die wasserwirtschaftlichen Maßnahmen der Emschergenossenschaft gehen einher mit einer städtebaulichen Entwicklung der Quartiere entlang der Gewässer. Mit dieser Verzahnung von Wasserwirtschaft und Städtebau verfolgt die Emschergenossenschaft im Schulterschluss mit ihren Mitgliedskommunen eine Verbesserung der Lebens- und Aufenthaltsqualität für die Bevölkerung in der Region. Der Betrieb von Abwasserkanälen, Pumpwerken, Kläranlagen und Hochwasserschutzeinrichtungen bildet dabei den Dreh- und Angelpunkt der sozial-ökologischen Transformation im Ruhrgebiet. „Einst offene Schmutzwasserläufe weichen nach und nach blaugrünen Erlebensräumen, die erleb- und erfahrbar gemacht werden – im wahrsten Sinne“, sagt Uli Paetzel, „gemeinsam mit den Kommunen haben wir bereits mehr als 360 Kilometer an neuen Rad- und Fußwegen entlang unserer Flüsse und Bäche gebaut.“

Emschergenossenschaft
Am 14. Dezember 1899 als erster deutscher Wasserwirtschaftsverband gegründet, ist die Emschergenossenschaft heute gemeinsam mit dem 1926 gegründeten Lippeverband Deutschlands größter Betreiber von Kläranlagen und Pumpwerken. Die Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Unternehmens sind die Abwasserentsorgung, der Hochwasserschutz sowie die Klimafolgenanpassung. Ihr bekanntestes Projekt ist der Emscher-Umbau (1992-2021), bei dem die Emschergenossenschaft im Herzen des Ruhrgebietes eine moderne Abwasserinfrastruktur baute. Dafür wurden 436 Kilometer an neuen unterirdischen Abwasserkanälen verlegt und vier Großkläranlagen gebaut. Rund 340 Kilometer an Gewässern werden insgesamt renaturiert. Parallel entstanden über 130 Kilometer an Rad- und Fußwegen, die das neue blaugrüne Leben an der Emscher und ihren Nebenläufen erleb- und erfahrbar machen. www.eglv.de